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Ein erfolgreicher zwangsunternehmer

IM FOKUS
Obwohl  er gern Angestellter und immer schon Ingenieur war, brachte der Gründer und Geschäftsführer der Losonczi Kft István Losonczi in kaum zwei Jahrzehnten eines der erfolgreichsten Unternehmungen des Komitats Békés unter Dach und Fach.  Sein Geheimnis liegt vielleicht darin, dass er macht, was er mag, nicht unbedingt nach Geld strebt und liebenswürdige Arbeitsplätze schaffen wollte.

Es bedarf vieler verpfuschter Werkzeuge, um ein gutes Werkzeug zu schaffen - gibt István Losonczi zu.  Sein Glück ist, dass er die Periode der verpfuschten Werkzeuge bereits überwunden hatte, als er sein eigenes Unternehmen gründete.  Er lernte aus seinen früheren Irrtümern und hat nun solche Riesenkunden wie Audi Hungary, das Atomkraftwerk Paks oder GE Hungary.  Wenn jemand den bisherigen Lebensweg der Losonczi GmbH und seines Gründers überblickt, scheint alles sehr einfach gewesen zu sein. Aber hinter allen selbstverständlich anmutenden Erfolgen stecken auch hinter dieser Geschichte  schrecklich viel harte Arbeit und eine Reihe kluger Entscheidungen.

Verpfuschte Privatisierung
Der studierte Maschineningenieur István Losonczi begann im Jahre 1981 bei einem Werkzeugunternehmen in Békéscsaba zu arbeiten. (Davor hat er noch drei Jahre beim Bau des Atomkraftwerks Paks gearbeitet).  Seiner innovationsfreudigen Natur entsprechend kam er zur Entwicklungsabteilung, deren Leitung er nach einigen Jahre übernahm.  Er hat den Beruf des spanabhebenden Werkzeugherstellers hier erlernt und wurde mit der Liebe angesteckt, aus der er nie geheilt wurde: mit der Herstellung der individuellen spanabhebenden Werkzeuge.

Hier erlebte er auch den Systemwechsel, der im Rahmen der Privatisierung einen neuen italienischen Eigentümer ins Leben der Firma brachte.  István Losonczi blieb bei der Firma, ihm fiel nicht im Traum ein, ein eigenes Unternehmen zu starten. "Ich war immer schon gern Angestellter, ich wollte kein Unternehmer werden", sagt er.  Die Not hat ihn dann aber doch gezwungen, sein Leben auf eine andere Bahn zu stellen. Die bei der Privatisierung noch 300 Personen beschäftigende, blühende Firma mit guten Gegebenheiten hat ihre Absatzmärkte und ihre besten Mitarbeiter nach und nach verloren. Laut István Losonczi war das größte Problem, dass der Eigentümer den Nutzen sofort aus der Firma nahm und sehr wenig in die Entwicklung steckte - dies war eine Lektion für ihn, die er nie vergaß. 
Er hat sich auch persönlich immer schlechter gefühlt und ertrug die entstandene Atmosphäre kaum, da er wegen solcher Fehler zur Verantwortung gezogen wurde, auf welche er keinerlei Einflüsse hatte. "Ich hatte den Eindruck, dass ich es nicht weitermachen darf, da ich jeden Morgen mit Magenkrampf in die Arbeit ging. Im Nachhinein bin ich dem Schicksal dankbar, wenn nämlich die Situation nicht so unerträglich gewesen wäre, würde ich jetzt noch dort arbeiten" - zitiert er den alten Spruch, wonach an allem Schlechten auch etwas Gutes zu finden sei, am eigenen Beispiel.

Auf eigenen Füßen
Ihm kam ein Stellenangebot aus Budapest gelegen: eine Handelsfirma suchte einen in der Spanabhebung bewanderten technischen Berater. Es stellte sich aber bald heraus, dass man ihn bloß als Unternehmer beschäftigen wollte, und die Arbeit des Handelsreisenden nicht für ihn erfunden wurde.  So hat er sich 1995 selbständig gemacht und mit seiner Frau die Losonczi GmbH gegründet, deren einziger Angestellter er in den ersten Jahren war.


Die GmbH hat sich anfangs mit Werkzeughandel beschäftigt, dies galt aber für István Losonczi immer schon als Zwangstätigkeit im Vergleich zur Planung und Herstellung von Werkzeugen - besonders der individuellen Werkzeuge.  Deshalb er wieder angefangen, Werkzeuge zu entwerfen, die er in anderen Werkstätten erzeugen lassen wollte. Dies ging aber immer schwerfällig vonstatten, so hat er sich endgültig entschlossen, die Tätigkeit der Firma zu erweitern und eigene Produktionskapazitäten auszubauen.

Da er kein Eigenkapital hatte, nahm das Unternehmen einen START-Kredit auf. Aus dem damals riesengroß erscheinenden Betrag von 12 Millionen HUF (plus eigenen Ersparnissen) reichte es eben noch für die "dümmere" Version der entsprechenden Planungssoftware und einer zur fünfachsigen umgebauten genutzten Fräsmaschine aus.  Daraus ist für heute ein Unternehmen geworden, das in seiner eigenen, 1350 qm großen Produktionshalle  auf europäischem Niveau 27 Mitarbeiter beschäftigt, wo im März eine Studer CNC-Schleifmaschine im Wert von 120 Millionen HUF in Betrieb gesetzt wurde.

Kurz über die Losonczi GmbH
Im Jahre 2012 betrug der Umsatzerlös der Firma 360 Millionen HUF, das Ergebnis 44 Millionen HUF. Wegen des Baus der neuen Halle und des Umzugs der Maschinen ging die Einnahme im vorigen Jahr etwas zurück, das Unternehmen rechnet aber heuer mit einem Umsatz über den Vorjahresumsatz.  Beim Unternehmen arbeiten zurzeit 27 Personen, anhand der jetzigen Erweiterung wurden sechs neue Arbeitsplätze geschaffen.
Unter unseren Kunden befinden sich sämtliche wichtige Akteure der Branche.  Einige von Ihnen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Alcoa Köfém, Audi Hungária, FAG Magyarország, Paksi Atomerõmû, GE Hungary, Grundfoss Magyarország, Hungaro SLR, Kennametal Hungária, Knorr-Bremse Bremssysteme, Linamar Hungary, Rába Laufwerk Kft, Sandvik Magyarország, Siemens.

Gewinner von Ausschreibungen
In den vergangenen vier Jahren gewann die Losonczi GmbH sechs EU-Ausschreibungen in verschiedenen operativen Programmen (TÁMOP,GOP,DAOP), von denen bereits fünf abgeschlossen wurden. Die größte war der neulich abgeschlossene Hallenbau: zur Investition von fast 300 Millionen HUF hat man beinahe 100 Million HUF nicht zurückzuzahlende Unterstützung bekommen. 
Laut István Losonczi sind diese Erfolge eindeutig dem bewerbungsschreibenden Partner zuzuschreiben.  Er sagt, man nehme ihm alle administrativen Bürden ab, so brauche er sich nur mit der Realisierung, dem technischen Inhalt und den Unterzeichnungen zu beschäftigen.  Als Entgelt zahlt er die ausgehandelte Erfolgsprämie gern aus: er drückt den winzigen aber wesentlichen Unterschied folgendermaßen aus: "es geht nicht darum, dass ich 6,5 Millionen HUF von 100 Millionen nicht bekomme; vielmehr dass ich 93,5 Millionen gewann."


- Warum haben Sie gerade mit der Produktion individueller Werkzeuge angefangen? 
Ich habe mich auch schon vor dem Systemwechsel damit beschäftigt. Nur sehr wenige sind imstande, richtig gute individuelle Werkzeuge herzustellen, weil man dazu spezielles Wissen und Erfahrungen braucht. Jeder kann eine Fräsmaschine und eine Planungssoftware kaufen, wenn er genügend Geld hat.  Es ist aber vielmehr eine Kunst, besondere Werkzeuge zu erfinden: welcher Ausgestaltung es bedarf, wie die Wendeschneidplatte einzulegen und welche Kantenwinkel anzuwenden sind, um optimale Spanabhebung zu erreichen.  Darin bin ich Profi, dies halte ich für spannend, und damit kann man ja auch auf dem Markt besser verdienen.  Die Erzeugung eines Teils dauert mit einem individuellen Werkzeug sechs statt zehn Minuten, und es bedarf nur eines statt zwei Werkzeuge.  Denken wir nur daran, welche Ersparnisse dies für einen Autohersteller bedeutet, der eine halbe Million identische Teile produzieren muss.


- Wie kann ein ungarisches Kleinunternehmen auf diesem Markt mitreden?
Unsere Kunden sind mehrheitlich große westliche Werkzeughersteller, die bereits in irgend einer Form in Ungarn präsent sind.  Auch sie haben eine Abteilung für individuelle Werkzeugherstellung, diese sind aber oft überlastet und können einer Bestellung eventuell erst in zwei bis drei Monaten nachkommen. In solchen Fällen sprechen sie uns an, ob wir das machen könnten - und wir liefern innerhalb von fünf bis sechs Wochen. Der billige Preis ist nicht der wichtigste Faktor: die Geschwindigkeit geht vor. Und natürlich muss auch die Qualität so sein, dass man über ein Werkzeug nicht darf sagen können, ob es in der Schweiz oder in Ungarn hergestellt wurde.


- Wie konnte das Vertrauen dieser ausländischen Firmen gewonnen werden?
Das war nicht leicht. Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu beweisen, dass wir auch Qualität produzieren können. Mein Kontaktnetz auch viel geholfen, ich hatte viele Bekannten bei den verschiedenen Firmen, dies hätte aber nichts genutzt, wenn wir unsere Versprechen nicht eingehalten und keine guten Werkzeuge produziert hätten. Wenn man aber einmal unseren Namen kennt, ist das Vertrauen schon vorhanden. Wir fallen den Auftraggebern einfacher ein.  Es ist vielsagend, dass während  im Branchendurchschnitt 20-30 Prozent der Angebote sich in einen Auftrag verwandeln, liegt dieser Anteil bei uns über 50 Prozent; und wir sind nicht gerade für unsere billigen Preis bekannt. Am Anfang gab es uns einen großen Aufschwung, dass wir im Jahre 2000 einen Vertrag mit der INA abschließen konnten, wodurch unsere Kapazitäten für drei Jahre ausgelastet wurden - dadurch konnten wir fünf Werkzeugmaschinen auf einmal kaufen.

 

„…ich nehme nur das notwendigste Geld aus dem erreichten Gewinn aus, das Übrige
lege ich wieder in der Entwicklung an"


- Gibt es keine technischen Hindernisse im Wege der Auftragserfüllungen, können sie jeden Anspruch befriedigen?
Die jetzige Lage ist schon viel besser, als in den Zeiten nach dem Start, obwohl wir auch jetzt nicht so viel Geld haben, mit dem wir immer die besten und neuesten Programme und Werkzeuge kaufen könnten.  Dies bedeutet aber keinen so großen Nachteil, wie die Laien dies eventuell denken könnten. Bei den individuellen Werkzeugen zählt nicht die Technik, sondern vielmehr das menschliche Wissen, und das steht uns in Fülle zur Verfügung. Ich kann ruhig behaupten, dass unsere Mitarbeiter sogar besser qualifiziert sind als die im Westen, und die Fluktuation ist sehr gering.
Und wenn wir eine Werkzeugmaschine zur Bearbeitung bräuchten, die bei und nicht völlig ausgelastet wäre, haben wir bereits jene Partner, denen wir einen besonderen Arbeitsschritt anvertrauen können.


- Sie sind ein echter Ingenieur, man kann sagen, dass Sie nur aus Zwang Unternehmer geworden sind. Aufgrund welcher Geschäftsprinzipien und mit welcher Strategie führen sie Ihre Firma?
Ich habe aus den Fehlern gelernt, die der italienische Eigentümer meiner früheren Firma begangen hat. Es ist sehr wichtig, dass ich  nur das notwendigste Geld aus dem erreichten Gewinn herausnehme, das Übrige
lege ich wieder in der Entwicklung an. Ich lebe auch jetzt in derselben Wohnung, die wir 1986 gebaut haben, ich habe keine Ferienwohnung, keinen Sport- oder Geländewagen.
Mein anderer wesentlicher Grundsatz ist, dass ich die ökonomische Fragen nicht übermystifiziere: ich versuche auch das Geschäft mit der Rationalität eines Ingenieurs anzugehen.  Ich habe immer darauf geschaut, wie hoch die Einnahmen und der Gewinn sind, und wie viel davon wieder investiert werden kann. Es wäre sicherlich eine schnellere Entwicklung möglich gewesen, Maschinen auf Kredit zu kaufen, ich muss mich aber nach der Decke strecken. Wenn ich mit etwas beginne, will ich auch das Ende sehen, so möchte ich keine Halle bauen, dass mir das Geld auf halbem Wege ausgeht. Ich bin auch stolz darauf, dass ich meine Rechnungen immer fristgerecht begleiche, was unter den ungarischen Unternehmern nicht gerade häufig vorkommt.
Uns unser Geschäftsmodell hat noch ein Element: wir stehen auf mehreren Beinen. Als die individuelle Werkzeugherstellung bereits richtig anlief, wagten wir uns auf neue Gebiete vor. Das erste solche Gebiet war die Planung und Produktion spezieller Werkzeuge für die Einspannung der Werkstücke.  Wir begannen im Jahre 2005 spezielle Messgeräte herzustellen, die  innerhalb von Minuten alle erwünschten Dimensionen der Autoteile kontrollieren und im Computer erfassen konnten.  Die drei Tätigkeitsbereiche ergänzen sich gegenseitig, und wenn der Bedarf irgendwo sinkt, können wir die fehlenden Einnahmen aus den anderen beiden Bereichen mit guten Chancen ersetzen.  Es ist teils diesem Vorteil zu verdanken, dass wie die Krise glimpflich überstanden haben, nur das Geschäftsjahr 2009 hatte ein wenig Verlust.


Sie waren im 2004 bereits einmal Unternehmer des Jahres.  Ist das für sie die größte Anerkennung?
Ich könnte nicht sagen, dass es mir nicht gut tat, da ich früher keinerlei Auszeichnungen oder Anerkennungen erhielt, und bestätigte mich darin, dass auch andere meinen, ich mache es gut, was ich mache.  Ich glaube aber, dass ich in 18 Jahren nur einen einzigen Mitarbeiter entlassen musste, der Erfolg ist nämlich mindestens so wichtig für das Personal wie für mich. Es ist typisch, wie viele Mitarbeiter ihren Ehegatten die neulich übergebene Halle zeigen - sie sind stolz darauf, hier arbeiten zu können.  Jeder trägt nach bestem Wissen zur gemeinsamen Arbeit  bei, niemand braucht angespornt zu werden. Es ist mir gelungen, eine Firma mit guter Arbeitsatmosphäre aufzubauen, eine, wo ich immer arbeiten wollte, als ich noch ein Angestellter war.

Schopp Attila